Gastbeitrag von cusilife: Was sich in meinem (Sex-)Leben verändert hat, seit ich offen über Sex rede Published on:

16. Dezember 2017
Cosima schreibt auf ihrem Blog cusilife über Persönlichkeitsentwicklung, Selbstliebe und Sexualität. Mit Tipps, Übungen und persönlichen Geschichten unterstützt sie dich dabei, die Liebe zu dir selbst zu stärken und deine Sexualität neu zu entdecken. Noch Fragen? – Schreib ihr auf ihrem Blog.

Erinnerst du dich noch daran, wie aufregend es war, von deinem ersten Kuss zu erzählen? Deine beste Freundin oder dein bester Freund stand mit dir in einer Ecke, ihr habt gekichert und es gab gerade nichts Spannenderes als diesen Kuss. Ähnlich erleben wir das mit den ersten Pettingerfahrungen und dem ersten Mal Sex. Doch mit mehr Erfahrung kommt auch mehr Erwartung. Idealbilder und Vorstellungen rund um das Thema entstehen.

Wie soll ich aussehen? Wie soll ich mich verhalten? Was wollen die Anderen?

Neben dem Gekribbel entsteht ein Druck. In einem meiner Artikel zu sexueller Selbstbestimmung beschreibe ich den Zwiespalt zwischen „Mauerblümchen und Schlampe sein“. Es ist schon viel passiert beim Thema Sex. Wir reden offener darüber, es gibt mehr Angebote, sich zu informieren und auszutauschen. Die LGBTQ*-Szene wird größer und sichtbarer.

Doch mit dem Entdecken deines Körpers und dem Sex kommt auch die Erkenntnis hinzu, dass es immer noch viel Scham und Tabus gibt, über die wenig gesprochen wird. Man sitzt allein rum und fragt sich: „Bin ich die Einzige, der das so geht? Bin ich die Einzige, die sich das fragt? Wie ist das bei Anderen?“

Das Tantra-Erlebnis

Seit knapp zwei Jahren beschäftigte ich mich intensiver mit den Themen Sexualität, Beziehungen, Polyamorie und Selbstliebe. Ein einschneidendes Erlebnis war für mich mein erstes Tantra-Retreat. Sechs Tage lang mit 20 fremden Menschen.

Tantra hat viele verschiedene Aspekte. Es geht grundsätzlich darum, höhere Bewusstseinszustände mit Hilfe des Körpers zu erleben. Das klingt etwas abstrakt: Konkreter haben wir dort vor allem gelernt, in unseren Körper reinzufühlen, herauszufinden und auszudrücken, was unsere Wünsche sind und wo unsere Grenzen liegen. Jeden Morgen gab es eine Meditation. Außerdem haben wir verschiedene Massagetechniken gelernt und konnten die miteinander ausprobieren. Wir haben geübt, mit Ablehnung umzugehen, wie es sich anfühlt, nackt vor anderen zu sein, ohne dass es dabei um Sex geht. Wir konnten aneinander Fragen stellen und haben immer gemerkt: Ich bin nicht allein!

Seitdem hat mich das Thema immer weiter begleitet. Ich besuche regelmäßig Workshops und habe auch schon ein paar selbst gegeben. Ich lese dazu, rede viel darüber und probiere natürlich selbst aus. Seit letztem Jahr schreibe ich einen Blog zum Thema Selbstliebe und SexualitätDas Thema ist also sehr präsent für mich.

Diese 7 Punkte haben sich seitdem in meinem (Sex-) Leben verändert:
  1. Ich verurteile mich und andere weniger.
    Du hast irgendeinen absurden Fetisch? Cool! Du kannst den auch noch mit jemanden ausleben, der den gleichen Fetisch hat? Noch besser!!! Doch nicht nur solchen Dingen begegne ich offener. Ich verurteile auch mich selbst nicht mehr dafür, wie ich bin, wie ich lebe oder liebe. Dabei kann ich die Vielfalt der Menschen wertschätzen. 
  2. Es ist wichtig, was ich denke und nicht, was andere denken.
    Inzwischen höre ich vor allem auf mich, was ich will und nicht, was andere von mir erwarten oder wollen.
  3. Über Wünsche, Grenzen und Gefühle sprechen.
    Was will ich eigentlich? Was gefällt mir? Das ist gar nicht so einfach herauszufinden. Und selbst, wenn wir es wissen – wie sage ich es dann? Es ist oft so, dass Mädchen damit noch mehr Schwierigkeiten haben als Jungs. Doch egal welches Geschlecht, es ist wichtig, dass du sagst, was du willst und auch klar sagst, was du nicht willst!
  4. Sex ist nicht das Ziel.
    Wir lernen, dass Sex nach folgendem Prinzip abläuft: Man knutscht, man fummelt, zieht sich aus und dann hat man Sex. Klar, das ist irgendwie ein Schema, das funktioniert. Aber es vergisst die Reise dabei. Es gibt so viele Sachen, die man miteinander und aneinander entdecken kann. Es kann auch aufregend sein, wenn es mal schnell geht. Doch es liegt auch viel Schönes dabei, sich wirklich Zeit füreinander zu nehmen. Und auch an jedem Punkt sagen zu können, wenn man keinen Sex (mehr) will.
  5. Mein Sexleben ist aufregender und erfüllender.
    Was man übt, kann man besser. Klingt ein bisschen banal, aber so läuft das auch beim Sex. Kein Sexgott oder Sexgöttin fällt vom Himmel. Ausprobieren, Neues lernen, sich und andere besser kennenlernen. Mit anderen darüber reden! Das macht besseren Sex aus.
  6. Ich kuschle mehr.
    Und zwar auch viel mit Freund*innen. Körperkontakt ist für mich nicht mehr nur sexuell oder im romantischen Kontext möglich. Viel Umarmen, Kuscheln, sich den Kopf streicheln oder Arm in Arm auf dem Küchenteppich liegen ohne sich zu fragen: Was heißt das jetzt? Es ist einfach schön. Meeeehr Kuscheln, Leute!
  7. Ich habe vor allem gelernt, dass Sex und Sexualität ein großes Spektrum ist.
    Es gibt nicht nur die eine „richtige“ Art von Sex. Sondern so viele verschiedene Formen davon. Und die wollen entdeckt und gelebt werden. Egal, was, wie und mit wem du es magst, das ist total ok so! 


Sexualität ist eine Reise.

Mit oder ohne Landkarte kannst du dich aufmachen. Du wirst dich verirren. Du wirst tolle Orte finden und Orte, wo du lieber weiterziehst. Orte, an denen du lange bleibst oder nur für kurze Zeit bist.

Ich möchte dir vor allem zeigen, es lohnt sich, sich mit dir, deinem Körper und Sexualität auseinander zu setzten. Auch keinen Sex zu haben, ist total ok. Es gibt noch so viele andere Wege miteinander zu sein.

Hier habe ich noch ein kleines Insight out für dich:

Ich formuliere dir fünf Satzanfänge und du kannst sie für dich beenden.

First thought – Best thought. 



 

Das letzte Mal Sex war für mich ….

Ich wollte schon immer mal ausprobieren, …

Beim Thema Sex habe ich Angst vor …

Wenn ich Sex habe, ist mir wichtig, dass …

Ich habe mich schon immer gefragt, …

Solche kleinen Übungen können spielerisch sein und dich näher zu dem bringen, was dich gerade interessiert und beschäftigt. Auch eine gute Übung zu zweit oder mit Freund*innen.

Do what you want. Do it with love, respect and condoms. 

 

Autorin: Cosima Siegling (cusilife)

Organisation: Team Blog

Jugend gegen AIDS e.V.

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