Gastbeitrag: Sie hat die Modeweisheit mit Löffeln gefressen Published on:

29. August 2017
Sie hat die Modeweisheit mit Löffeln gefressen (Saskia)
Ich behaupte mal, dass man wenn man einen Menschen anschaut, man zuerst das Gesicht und dann die Statur betrachtet um letztendlich auf den Klamotten hängen zu bleiben.
Manche nutzen dies vielleicht unbewusst, andere wiederum provokativ. Doch Kleidung gibt uns die Möglichkeit uns von Anderen abzugrenzen, zu zeigen, welchen Lebensstil wir pflegen und kann damit – ohne überhaupt ein Wort zu sagen -, eine komplette Geschichte davon erzählen: wer wir sind oder noch viel mehr, wie wir uns am liebsten sehen.

Ich bin schon sehr lange von der Ausdrucksfähigkeit von Bekleidung und Mode beeindruckt. Es beginnt damit, dass ich mich deutlich daran erinnern kann, dass ich im Kindergarten am liebsten Kleider getragen habe. Für mich war damals klar, dass nur weibliche Personen Kleider tragen und ich mich als Mädchen am besten von Jungs abgrenzen kann, indem ich ein Kleid trage. Frei nach dem Motto: „Siehst du nicht, ich trage ein Kleid, ich bin ein Mädchen“. (Disneyprinzessinnen trugen bis Mulan kam ja auch keine Hosen)

                   Doch wirklich spannend wurde es so mit 12 Jahren. Ich sah den Film „Freaky Friday“, fing an Gitarre zu spielen und Greenday zu hören. Im Laufe dessen fing ich an Benji von Good Charlotte ganz süß zu finden und Avril Lavigne wurde zu meinem Stil Vorbild (und wir reden hier von der Sk8er Boi* Avril). Von nun an bestand ich drauf mir meine Kleidung selber zu kaufen und zeigte mit diesem Hauch von Ska und Palituch oder ich-trage-ein-stoff-gürtel-um-den-hals-weil-ich-zu-cool-für-eine-kravatte-von-meinem-vater, ganz klar meiner Außenwelt, dass ich ganz genau weiß was „In“ ist und Erwachsene das ganz bestimmt nicht wissen.

                   Avril Lavigne ging, das Pali blieb und ich war das aller erste Mal so richtig verliebt. Also so richtig, richtig, richtig.

Wer mir mein Herz geklaut hatte? Tom von Tokio Hotel. Und auch das sah man mir sofort an: ich ging mit meiner damaligen besten Freundin Helen zum Frisör, ließ mir einen schrägen Pony schneiden und hatte mindestens fünf Stufen im Haar (man munkelt, ich soll die sogar toupiert haben). Außerdem wurde ab nun an nicht mehr mit dem Make-up und vor allem schwarzen Kajal gegeizt. US5 Fans waren doof und haben sich auch nicht cool genug angezogen, KiPi’s Fans** waren okay (Ertappt. Sorry Tom, ich war auch in den blonden Gitarristen mit den Locken verliebt. Aber du warst immer an erster Stelle. Ich schwöre!)

Die Liebe zu Tom war irgendwann rausgewachsen wie der Emostufenschnitt in meinem Haar. Jungs die zwei Jahrgänge über mir und Helen waren, wurden irgendwie spannender und diese Jungs standen nicht ganz so auf extremes Make-up. Das Make-up und die Augenbrauen wurden minimiert und die Klamotten wurden bunter. Cool waren die Pussycatdolls, Collien Fernandes und Gülcan.

                   Und genau hier kommt der große Bruch und mich überkam eine Krise. Ich glaube, etwas völlig normales in der Höchstphase der Pubertät. Bei dem einem weniger ausgeprägt, bei mir etwas mehr. Ich fühlte mich von heute auf morgen keiner Gruppe mehr zugehörig, von meinen Eltern eingeengt und nicht verstanden. Musik und Kleidung waren egal. Ich realisierte ich bin irgendwie ich und es ist verdammt schwer ich sein zu müssen. Es war einfacher „like a G6“ zu sein.

                   Stück für Stück brachte mich das aber zu der Saskia die ich nun heute bin. Youtube zu dank, fing ich an zu hinterfragen was die Bekleidungsindustrie ist. Wo die Kleidung aus üblichen Geschäften her kommt, und das es da Gewinner und Verlierer gibt. Dadurch kam ich zum Second-hand shoppen. Ich fing an mir meine eigene Welt zu basteln ohne Stilvorbild der Medien. Ganz nebenbei entdeckte ich den Glamour den nur Gucci vintage Hemden versprühen können und kann jeden Tag selber bestimmen wer ich bin, wie ich mich fühle und ob ich was sagen oder schweigen möchte.

_________
*Avril Lavigne „Sk8er Boi“           **Killerpilze


Do what you want. Do it with love, respect and condoms.

This post was written by Jugend gegen AIDS Blog

Related